Wenn es im Nord- und Zentralalpenbereich an Schnee mangelt, muss man sich nach alternativen Tourengebieten umschauen. Zwischen Trient und Belluno, in den südlichen Ausläufern der Dolomiten, findet man interessante Ziele.

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Ein Wunderland aus Schnee - eine mehrere Meter dicke Schneedecke überzog den Südalpenraum in weiten Gebieten.

Der Winter 2013/14 war in den Südalpen außergewöhnlich. Von Dezember bis Anfang April verging beinahe keine Woche ohne erhebliche Niederschläge. Vom Mittelmeer her schaufelten Tiefs munter zig Meter Schnee in die Dolomiten  und in den Skigebieten schaufelten Seilbahnbedienstete in einem fort um einen störungsfreien Betrieb der Lifte zu gewährleisten. Man konnte getrost zusehen wie verhältnismäßig hohe Temperaturen dem Neuschnee zusetzten oder sich Mitstreiter Schwung um Schwung in den schönsten Hängen verteilten. Spätestens ein paar Tage später waren die Karten wieder neu gemischt und das Spiel begann auf's neue: Wo schneit es am meisten? Wo gibt’s potente Skigebiete? Und dann raus. Erst einmal mit schwerer Ausrüstung und Seilbahnunterstützung. Oft noch während des Schneefalls im bewaldeten Bereich. Später dann abseits der Lifte und mit Tourenausrüstung. Das Geniale war, dass man fast alles fahren konnte. Schlechte Verbindungen gab es kaum und wenn, dann lagen sie bald schon tief unter der Oberfläche. Durch die enormen Schneemengen veränderte sich das Landschaftsbild und je mehr man sich im Detail verlor umso erstaunlicher waren die Vergleiche zu einem herkömmlichen Winter. Felspassagen verschwanden, unwegsame Gräben wurden zu Genussabfahrten und stets beendete man den Skitag oder die Skitour mit einem letzten Schwung am Parkplatz. Es gab aber auch Erschwernisse. Beispielsweise waren freigeräumte Straßen kaum überwindbar. Auf einer Seite fünf Meter Drop auf den Asphalt, auf der anderen Seite fünf Meter Hochwühlen in einer senkrechten Schneewand. Aber zugegeben – das war nicht wirklich etwas worüber man sich ärgern musste.

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Die tief verscheite NO-Seite des Monte Mulaz (2.906 m). Über die ausgeprägte Rippe, links des Gipfels, führt eine der schönsten Abfahrten weit und breit.

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Lärchenwald im Aufstieg zur Cima Bocche (2.745 m)

Noch im November erzählte mir ein Freund aus Südtirol von tollen Skitouren im Lagorai. Nach zwei eher unterdurchschnittlichen Wintersaisonen seufzte er und meinte: „Wenn's decht amol wieder genuag Schnea mochat!“ Dieser kam dann wenig später und promt schnappte ich seinen Vorschlag auf, gewann einen Freund für die Idee und fuhr mit ihm über den Brenner Richtung Süden. Man sollte viel öfter in unbekannte Gebiete aufbrechen diskutierten wir. Wie oft schon nahmen wir die Autobahnausfahrt in Sterzing, Brixen oder Klausen? Wie gut kannten wir die Östlichen und Zentralen Dolomiten. Aber im Süden? Dort waren wir bislang noch nie mit Ski unterwegs. Liegt es an der erschwerten Erreichbarkeit? Oder ist diese Region gedanklich zu weit entfernt?

Spät abends erreichten wir unsere Unterkunft in Caoria. Das Scheinwerferlicht gab nur wenig von der Gegend preis und wir witzelten bereits, dass es hier bestimmt noch Hexen gäbe, so wenig gab's zu sehen.
Caoria liegt im Valle del Vanoi und ist Ausgangspunkt für Touren im Massiv der Cima d'Asta sowie in der Südlichen Lagoraikette. Das Tal wurde von Feltre her besiedelt und fiel im 14. Jahrhundert in den politischen Einflussbereich Tirols. Erst nach der Schlacht von Vittorio Veneto, die zum Zusammenbruch der gesamten österreichischen Front führte, kehrte 1918 die italienische Führung zurück. Noch heute sprechen einige Bewohner der Region deutsch. Vor allem die Alten. Und davon gibt es deutlich mehr als Junge. Man wird herzlich aufgenommen und fühlt sich angenehm befreit vom „Karrussel-Fieber“ der Gebiete weiter nördlich.

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Auf Försters Spur durch tief verscheite Wälder.

Am Abend waren wir die einzigen Gäste im Albergo, doch morgens herrschte reger Betrieb. Während wir an unserem Tisch Zwieback und Brioche kauten wuselte es nebenan. Keine zwei Minuten dauerte für die meisten der Kaffee- und Nachrichtenstopp an der Bar. Nur eine Gruppe grün gekleideter Männer ließ sich etwas mehr Zeit und setzte sich an den Tisch nebenan. Der Kleidung nach Förster, dem Schuhwerk nach Skitourengeher. Und tatsächlich, wir lernten an diesem ersten Morgen die skitourengehenden Förster des Tals kennen. Sie sind oft die Einzigen die hier unterwegs sind erzählten sie uns und bereitwillig, fast schon aufdringlich, gaben sie uns ihre besten Spots preis. In einem Winter wie diesem gäbe es viel zu tun für die Männer und weil man ohne Ski im Gelände sowieso chancenlos ist wurden die Tourenschuhe gleich ganztags getragen.

Um ein Gefühl für den Schnee zu bekommen erkundeten wir an unserem ersten Tag die Berge westlich von San Martino di Castrozza. Dazu benützten wir Lifte. Es war so ein Tag, an dem es für eine Skitour einfach noch zu früh ist. Zu groß war die Lust nach unverspurten Abfahrten. Und nachdem die Sicht immer besser wurde konnten wir bereits Pläne für die kommenden Tage schmieden. Jedoch breitete sich über Nacht Niederschlag aus und der Morgen war regnerisch und grau. Zur Cima dei Paradisi rieten uns die Förster und bereits wenig später freuten wir uns, in dicht verschneiter Landschaft unsere Spur zu ziehen und im Schutz der Bäume dem widrigen Wetter zu trotzen. Für den Gipfel reichte es an diesem Tag nicht aber insgesamt war's lustig und beinahe surreal in derartig viel Schnee unterwegs zu sein. Insgeheim hofften wir die Cima d'Asta zu erkunden. Wir trauten uns aufgrund der Plusgrade und des Regens – die meisten Ausgangspunkte im Lagorai liegen tief – aber nicht ins Val Regana, dem V-förmigen Tal im unteren Bereich der Tour. Wir brauchten höhere Ausgangspunkte.

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Cimon della Pala (3.184 m) und die südlichen Ausläufer der Palagruppe.

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Bei schlechter Sicht ist man in den Wäldern des Lagorai gut aufgehoben.

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Eine klare Nacht kündigt sich an. Der Plan für den kommenden Tag ist bereits geschmiedet.

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Auf den letzten Metern zum Gipfel der Cima Bocche (2.745 m) - doch das war nur der erste Streich.

Somit wurde es Zeit für einen Quartierwechsel und nach einem pulvrigen Skitourentag am Grande Colbricon im Bereich des Passo Rolle fuhren wir weiter Richtung Norden. Eine gemütliche Hütte nahe dem Passo San Pellegrino erschien uns bestens geeignet für den weiteren Aufenthalt. Sonnenschein, Schneefall, Sonnenschein – so der Wetterbericht für die kommenden drei Tage. Beinahe im Westalpenstil verließen wir früh morgens unsere Unterkunft. Es war kalt und wunderschön. Nach kurzer Anfahrt klirrten die Schneekristalle beim Betreten eines Lärchenwaldes. Von Neugierde getrieben spurten wir mühelos höher und entschieden uns kurzerhand für ein Skitouren-Enchainment bestehend aus der Tour zur Cima Bocche mit anschließender Abfahrt und Wiederaufstieg zur Cima Luribrutto. Beide Gipfel bieten neben spektakulärer Landschaft exzellentes Skitourenterrain und wir durften sie von oben bis unten in Bestform erleben. Schwer zu toppen dachten wir. Aber da ja wieder ein halber Meter Neuschnee angekündigt war verflog dieser Gedanke sogleich.

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Das Ergebnis einer produktiven Nacht.

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Mit etwas Flexibilität erhält jeder Tag seinen besonderen Wert. Statt einer Skitour wählten wir hier Variantenfahrten am Col Margherita.

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Durch jeden Aufstieg erreichten wir Neuland. Aufgrund der guten Verhältnisse konnten wir die Routen nach Herzenslust kombinieren.

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Immer wieder erstaunte uns die Tatsache, dass wir meist alleine unsere Spuren ziehen konnten.

Wir waren angekommen. Wir hatten keine Eile mehr herumzuspringen und uns nach namhaften Zielen zu orientieren. Wir betrachteten mit Freude die Wettervorhersagen und jubelten im Neuschnee und im Sonnenschein. Denn was anderes gab's ja eigentlich nicht, in diesem wunderbaren Märchenland. Dass wir uns vorgenommen hatten, zukünftig immer wieder in neue Gebiete aufzubrechen hat uns zu denken gegeben. Denn was wollten wir finden das Schöner ist als hier?

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Wir scheuten die Lifte nicht. Im Gegenteil - überlegt benützt und in die Tour integriert, bereichern sie enorm.

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Eine unvergessliche Abfahrt - wir betreten den Monzoni-Kessel.

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Ideales Skigelände führt über 700 Höhenmeter in tiefere Gefilde.

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!!!

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Ein letzter steiler Aufstieg in eine kaum sichtbare Scharte bringt uns zum Übergang unserer letzten großen Abfahrt.

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Und abermals alleine fuhren wir, umgeben von typischer Dolomitenlandschaft, ins Fassatal ab.

Diese Erkundungsreise inspirierte uns zu einem speziellen Programm. Wir besuchen das beschriebene Gebiet mit der Absicht, den besten Schnee zu fahren. In Abhängigkeit zu den vorherrschenden Verhältnissen kobinieren wir dabei die Möglichkeiten von Variantenfahren, seilbahnunterstützten Skitouren und Skitouren im klassischen Sinn. Wir agieren spontan und profitieren von unserem Erfahrungsschatz und Flexibilität. Falls Sie Lust bekommen haben uns zu begleiten, schauen Sie sich die Programmbeschreibung näher an - wir würden uns auf gemeinsame Schwünge im Süden der Dolomiten sehr freuen.

 

Text und Bilder: Matthias Knaus