Die MAVIC Trans-Provence wurde in der Bikeszene vor allem in den vergangenen drei Jahren durch die Austragung eines der spektakulärsten Endurorennen Europas bekannt. Matthias Knaus bewältigte die mehr als 300 km lange Tour und an die 10.000 Höhenmeter in einer erlebnisreichen Woche und berichtet in diesem Artikel davon.

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Eine der vielen charmanten Unterkünfte entlang der Strecke.

Ich treibe in Rückenlage im 26 °C warmen Meerwasser und kann kaum begreifen, was in den vergangenen sieben Tagen alles passiert ist. Es blieb keine Zeit, auf Bademode umzurüsten – ich habe immer noch meine Bikeshort an – die Abkühlung musste her, und zwar schnell. Es ist Anfang September und ein strahlend blauer Himmel zeigt sich über der Côte d’Azur. Wir sind am Larvotto Strand in Monaco und um uns herum vergnügen sich zahlreiche Besucher im Wasser und im Sonnenschein. Wir, das sind sechs ziemlich britische Briten und ich.

Vor etwas mehr als einer Woche lernten wir uns am Flughafen von Nizza kennen und begegneten dort auch Emma und Ewan, zwei Bike-enthusiastische Schotten, welche sich hier in der Provence als Bikeguides ihr Geld verdienen. Ich hatte bereits Sorge, der einzige zu sein, der mit unrasierten Beinen und weniger als 50.000 Höhenmetern am Konto dort sein Bike zusammenschraubt. Entgegen meinen Erwartungen packten aber auch die Briten ihre Enduros aus den Transporttaschen, schlüpften in legere Freerideklamotten und bezeichneten sich selbst als Gelegenheitsbiker, die sich vor allem auf eine schöne Bikewoche unter Freunden mit guten Abfahrten auf Singletrails freuten.

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Am Flughafen in Nizza werden die Bikes geladen und erste Informationen preis gegeben.

In Rochebrune, wenig südwestlich der Stadt Gap, im Ostern der Provence, beginnt unsere Durchquerung. In Zahlen ausgedrückt trennten uns also sieben Tage, 320 Kilometer, 9.500 Höhenmeter bergauf und 15.200 Höhenmeter bergab von unserem Zielpunkt Monaco. Ein wesentliches Detail dabei ist der hohe Singletrail-Anteil, welcher mich von Beginn an faszinierte und welcher sich in Form sehr unterschiedlicher Abfahrten ausdrückt. Jeden Tag rücken neue Landschaften ins Blickfeld und surren die Reifen über unterschiedliche Böden. Dies fördert den Abwechslungsreichtum enorm und erweist sich in puncto Motivation als durchaus unterstützend.

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Herrliche Laubwälder werden im Zuge der ersten Beiden Tage durchfahren.

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Neben den Abfahrten begeistert vor allem auch die schöne Landschaft. Hier bei der ersten Auffahrt am zweiten Tag.

Während des ersten Aufstiegs bin ich mit meinen Gedanken noch beim gewaltigen Felsriegel von Ceüse. Das mauerartige Massiv dominiert den Ausblick von unserem Startpunkt nach Westen und erinnert mich sofort an einige der besten Sportklettermomente meines Lebens. Wie in Trance fahre ich die gemütlich geneigte Forststraße hoch, Tritt um Tritt mit den Beinen, Zug um Zug im Kopf. Nach etwa 1,5 Stunden holt mich Ewan mit der Aufforderung, meine Schutzausrüstung anzulegen, in die Gegenwart zurück. Ein zu Beginn recht ruppiger und vor allem stacheliger Trail verwandelt sich nach kurzer Fahrzeit in einen Abschnitt absoluter Extraklasse. Jeder einzelne von uns drückt seine Begeisterung in Form von Jubel und Highfiven aus. Allesamt sind wir überrascht und glücklich und fahren mit einem breiten Grinsen hinab zu einer Steinbrücke. Die Schützer verschwinden wieder im Rucksack und wir kurbeln eine weitere Stunde bergauf. Die zweite Abfahrt steht der ersten in nichts nach, außer dass wir zwischendurch einen Platten flicken müssen. Die Beschaffenheit des Trails war im unteren Teil ziemlich grob und steinig und etliche Büsche standen eng Spalier. Schutz der Augen und der Haut vor den Dornen ist auf den Trails der Provence angebracht. Jetzt wissen wir auch, warum Ewan mit diesen uncoolen Stutzen herumfährt und noch bei über 20 °C ein Longsleeve trägt.

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Vorbereitungen für die Abfahrt nach etwa 500 Höhenmetern zum warm werden.

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Trails soweit das Auge reicht. Informationen vorab sind schwer zu merken. Am besten nützt man die höher gelegenen Etappenpunkte um einen Überblick zu erlangen.

Nach etwa vier Stunden sind erste Ermüdungserscheinungen bei uns erkennbar. Das Briefing über die Etappe am Vorabend fiel knapp aus und keiner von uns wusste so recht, wie lange die gesamte Tagesstrecke ist beziehungsweise welche Charakteristik sie prägt. Für mich als Biker mit alpinem Background ist die Sache nach einem kurzen Blick auf Ewans Höhenprofil schnell klar. Es geht noch ordentlich bergauf, es gilt noch einige Kilometer zurückzulegen und es warten noch weitere zwei Abfahrten, bis unsere nächste Unterkunft erreicht ist. Meine britischen Kollegen sind mehr als gefordert, als wir das Bike mehrmals schultern und uns unrhythmisch und steil die Hänge hinauf kämpfen. „Earn your
turns“ meint Ewan mit einem Lächeln und motiviert uns beim letzten Anstieg des Tages.

Die MAVIC Trans-Provence wurde in der Bikeszene vor allem in den vergangenen Jahren durch die Austragung eines der spektakulärsten Endurorennens Europas bekannt. Medienberichte und Videoclips zeigen vorwiegend die schnelle Seite des Sports und verzerren dadurch etwas das Bild der Realität. Auf einigen Abschnitten kann geshuttelt werden und man erhält so an jedem Tag mehr Höhenmeter abwärts als bergauf. Aber insgesamt bleiben zahlreiche herausfordernde Anstiege sowie Schiebe- und Tragepassagen, wodurch die Strecke keinesfalls nur reinen Downhill-Liebhabern ans Herz gelegt werden kann.

Die Highlights der Trans-Provence 2012 als Video.

Ziemlich abgekämpft erreichen wir an diesem Abend eine wunderbar abgelegene Unterkunft auf einer Anhöhe. Der Kiefernwald um uns herum duftet herrlich und ebenso das Essen, welches unsere freundlichen Gastgeber zubereitet haben. Mit vollem Bauch und müde, aber glücklich fallen wir in die Federn. Beim einen oder anderen tauchen Zweifel über die Fähigkeit, die gesamte Strecke zu bewältigen, auf. Die Eindrücke des ersten Tages jedoch begeistern enorm und die Schilderungen der folgenden Tage von Emma und Ewan tun das ihrige dazu.

Der zweite Tag ist noch anstrengender als der erste und Jay, einer der Teilnehmer, köpfelt während einer Abfahrt ins Gemüse. Dabei hat er Glück, denn außer einem zerbrochenen Helm, einigen Schürfwunden und vier Stichen in der Nase hat der Unfall verhältnismäßig geringe Folgen. An manchen Stellen der Strecke ist man ganz schön weit vom Schuss. Geringe Befahrungs- und Begehungsfrequenzen sowie ein besonders rauer und ursprünglicher Charakter vieler Abschnitte machen die Woche zu einer anspruchsvollen Unternehmung. Die Folgen eines Sturzes oder eines technischen Gebrechens können einem sehr zu schaffen machen. Dies ist auch der Grund, weshalb die geführte Gruppe meines Erachtens nach eine ideale Konstellation darstellt, um die Trans-Provence erfolgreich bewältigen zu können. Im Laufe der gesamten Woche haben wir Glück. Nur ein regnerischer Nachmittag, nur sieben platte Reifen, ein Sattelbruch, einige kleinere mechanische Defekte und außer dem Cut an Jay's Nase und einigen Schrammen an Armen und Beinen aller Beteiligten bleiben gröbere Verletzungen aus.

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Kratzer und Schürfwunden sind obligatorisch. Verletzungen erfordern Ersthilfe von der Gruppe. Manchmal befindet man sich ganz schän weit draußen!

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Schiebe- und Tragepassagen gehören ebenso dazu wie die exzellenten Singletracks.

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Eine wilde und ursprüngliche Natur prägt jeden Abschnitt der Tour.

Am letzten Tag fragt mich Emma, was mir am besten gefallen habe. Ich kann ihr keine Antwort darauf geben. Ich kann mich nicht einmal an die ganzen Abfahrten erinnern, so viele waren es, geschweige denn sagen, welche mir am besten gefallen hat. Die Qualität der Abfahrten ist überzeugend und es sollte sich wohl niemand mit weniger als 140 Millimeter Travel auf die Reise machen. Die landschaftliche Schönheit ist ebenso beeindruckend und mehr Vielfalt und Kontrast zwischen den einzelnen Etappen ist kaum vorstellbar. Je mehr ich jetzt darüber nachdenke und je intensiver ich versuche, mir die Bilder dieser Woche in Erinnerung zu holen – ich kann und möchte keinen Abschnitt hervorheben.

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"Welche Abfahrt war das noch mal?"

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Mountainbiken in grauer Erde. Durch Bilder wie dieses wurde die Trans-Provence bekannt.

Mir gefiel der freundliche Hirte mit seinem gepflegten Schnurrbart in einem Meer aus Schafen. Ich mochte es, mein Bike auf Hügel zu schieben und zu tragen, mit der Neugierde und Freude in mir, oben anzukommen und den nächsten Streckenabschnitt einzusehen. Ich mochte es, den Rucksack abzulegen, die Pads über die Knie zu stülpen und mein Bike auf weich zu stellen. Ich hatte Schiss, als wir von einigen schlecht gelaunten Hirtenhunden verfolgt wurden und konnte nach erfolgreicher Flucht gemeinsam mit den anderen darüber lachen, wie schnell plötzlich jeder mit abgesenktem Sattel treten konnte, um die Spitze des Feldes aufzusuchen. Ich freute mich auch jedes Mal am Abend anzukommen und mich in den durchwegs gemütlichen Unterkünften zu entspannen. In Erinnerung werden mir auch die goldbraunen Gräser bleiben, die im Gegenlicht der Sonne strahlend leuchteten. Die kalten, letzten Meter jenes regnerischen Nachmittags, das stilvolle Café an der Landstraße, die verwitterte, schwarze Brackenlandschaft, in der jeder Drop und jeder Richtungswechsel um vieles weicher möglich war als irgendwo sonst, der erste Blick aufs Meer und das Gefühl vor der letzten langen Abfahrt nach Monaco.

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Der Hirte in seinem Meer aus Schafen.

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Goldener Herbst auf den Almen der Haute-Alpes de Provence.

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Kurz nach einem heftigen Gewitter erstrahlt die Landschaft in neuem Licht. Auch Anstiege werden oft auf Singletracks bewältigt.

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Eine der längsten Abfahrten führt vom Col des Champs nach Entraunes.

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Jeden Abend wird das Bike gewartet. Die Strecke fordert dem Material einiges ab. Ohne Werkzeuge und Pflegemittel sowie handwerliches Geschick ist man meist nicht in der Lage, das Bike für die Woche fit zu halten.

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Pannen unterwegs müssen selbst repariert werden. Entlang der gesamten Strecke gibt es nur zwei Fachgeschäfte - eines erreicht man am ersten Tag, das zweite auf der Schlussetappe.

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Auf dem ruppigen Trail nach Beuil.

Besonders werde ich mich aber daran erinnern wie wir gemeinsam gekämpft und gelacht haben und wie wir uns während einer Woche über so viel Unerwartetes und Schönes freuen konnten. Trans-Provence – ein Soultrip par excellence!

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Straßencafé in St-Sauveur-sur-Tinée

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In den Seealpen erlebt man Authentizität pur.

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Am siebten Tag, nach knapp 10.000 Höhenmetern und gut 14.000 Tiefenmetern ist das Ziel in Sicht.

 

Eine weitere, ausführliche Beschreibung der Trans-Provence finden Sie im Blog von Bergwelten.
Auch 2016 führen wir wieder über die fabelhaften Singletracks der Trans-Provence. Hier unsere Termine.

 

Text und Bilder: Matthias Knaus