Kurt Pokos publizierte am 23.09.2015 nachfolgenden Artikel in der Tiroler Tageszeitung. Offensichtlich gefällt ihm das Valle Maira wie uns - zwischen den Zeilen lesen wir von Leidenschaft und Begeisterung. Der Gebietskenner beschreibt die Region für Mountainbiker mit fundiertem Hindergrundwissen und Selbsterfahrung. Wir bieten 2016 die Möglichkeit, die besten Singletracks des Valle Maira kennenzulernen und freuen uns auf Anfragen und über Buchungen. Hier geht's zur Reisebeschreibung.

Nach Landflucht und Entsiedelung erwecken Mountainbiker und Skitourengeher das Valle Maira im Piemont zu neuem Leben. Das hat eine kriegerische Vergangenheit.

Acceglio – Man kann es kaum glauben. Im Piemont, einer der am dichtest bevölkerten und quirligsten Regionen Norditaliens, verbirgt sich, tief eingeschnitten in den schroffen Bergen der Cottischen Alpen, ein Tal mit einer Bevölkerungsdichte von zwei Personen pro Quadratmeter. Vergleichbar nur mit Kanada oder der Mongolei. Noch vor hundert Jahren musste dieses Tal etwa das Zehnfache der heutigen Einwohnerzahl ernähren, doch die beginnende Industrialisierung, die aufstrebenden Fiat-Werke in Turin, die leicht erreichbare französische Grenze sorgten für eine stetige Abwanderung aus den Dörfern und führten zum völligen Niedergang der Landwirtschaft. Die Verwaisten Ackerflächen auf den Berghängen wurden allmählich wieder von der wilden Natur zurückerobert und überwuchert, die zahlreichen winzigen Dörfer vielfach dem Verfall preisgegeben.

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Geisterhaft wiken manche verfallenen Ortschaften. Dauersiedler gibt es hier nicht mehr - nur an Wochenenden und Feiertagen trifft man vereinzelt auf "Wiederkehrende" oder Menschen, die hier Ruhe suchen. Bild: Matthias Knaus

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Die alten Steinhäuser haben Charme. Zwischen alten Mauern und verwucherten Gärten finden sich auch gepflegte Gemüsebeete. Bild: Matthias Knaus

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Chialvetta (1.494 m) im Vallone Unerzio. Bild: Matthias Knaus

Heute präsentiert sich das Valle Maira in einem neuen Erscheinungsbild. Viele der typischen Steinhäuser wurden restauriert und erneuert, wenn auch nur zum Zweck von Feriensitzen und Zweitwohnungen. Ein weitreichendes Netz schmaler Asphaltstraßen führt aus der engen Talschlucht hinauf zu den weiten Hochflächen. Und langsam begann auch der Tourismus, diese verlassene Talschaft als Urlaubsdestination zu entdecken. Denn kaum eine Region in Europa bietet eine solche Fülle von Wegen in unberührter Natur. Mittlerweile gibt es für Freizeitsportler genügend Unterkünfte, auch mehrere Campingplätze und Hotels bis zur Drei-Sterne-Kategorie, die eine piemontesische Küche anbieten. Und auch die exzellenten Weine der Region, vom Dolcetto bis zum berühmten Barolo, ruhen in den Weinkellern.

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Das wunderschön gelegne Ecovillaggio Sagna Rotonda (1.644 m) bietet perfekte Unterkunftsmöglichkeiten für Besucher des Valle Maira. Bild: Matthias Knaus

Kriege geführt wurden in diesem Gebiet jede Menge, seien es die Spanischen Erbfolgekriege, die Feldzüge Napoleons oder die Konfrontationen zwischen dem benachbarten Savoyen und Piemont bis hin zum Zweiten Weltkrieg. In deren Folge wurden in den Bergen der italienisch-französischen Grenzregion an die 200 km Militärstraßen bis zu den kammnahen Gipfelhöhen gebaut, Kanonen über die Pässe geschleppt und Militärlager errichtet. Längst sind diese Zeugen der kriegerischen Vergangenheit verfallen, doch ganz nutzlos sind sie noch immer nicht.

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Über Abschnitte einer alten Militärstraße erfolgt die Auffahrt zum Passo della Cavallo. Bild: Matthias Knaus

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In den Überresten einer militärischen Stellung am Passo della Cavalla (2.539 m). Bild: Matthias Knaus

Neu entdeckt haben sie wieder die Mountainbiker, aber auch die Wanderer, welche sich nun mit großem Eifer auf der Strada cannonica oder der Strada napoleonica über die endlos scheinenden Hochflächen plagen. Die Gardetta-Hochebene wird von einem ganzen Netz alter Kriegswege überzogen, sogar eine verfallene Kaserne wurde wieder belebt und als Schutzhütte eingerichtet. Auf der anderen Talseite führt eine sogar recht gut fahrbare Schotterstraße bis auf den Colle Bellino, der mit 2.830 m als der höchste mit dem Mountainbike befahrbare Pass der Westalpen gilt. Es gibt auch Passübergänge in die Nachbartäler, ins Val Stura oder ins Val Varaita, welche auch der Giro d'Italia schon öfters am Programm hatte. Am Colle del Morti, am Übertritt in das Val Stura, erinnert ein Denkmal an Italiens tragischen Radhelden Marco Pantani.

Für den Mountainbiker lässt sich dieses Paradies nicht so ohne Weiteres erobern. Denn auf eines muss sich der Bergradler schon gefasst machen: Erst einmal führen viele schmale Asphaltsträßchen vom engen Talboden zu den weitläufigen Hochflächen, das kostet bereits etliche Schweißtropfen. Endet der feste Belag, dann beginnt Mountainbike pur. Dann wird es für den Radler richtig ruppig und wehmütig denkt er an die glatten Forstautobahnen auf den Tiroler Almen zurück. Fahrtechnisches Können ist gefragt: steinige Rüttelstrecken, Schiebe- und Tragepassagen bergauf und bergab sowie genügend Singletrails und Downhills sind hier an der Tagesordnung. Selbst wenn die Trasse keine großen Steigungen aufweist, zwingen die buckligen Steinbeläge den Fahrer oft aus dem Sattel und ein Kilometer im Wiegetritt kann ganz schön lang werden.

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Schiebestrecke im Vallone Miniera. Ein Hirte erklärte uns auf seinem Trial-Motorrad sitzend, dass eben gerade ein Wolf hier durchstreifte. Bild: Matthias Knaus

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Singletrack-Transfer zwischen Colle Ciarbonet (2.206 m) und dem Valle del Maurin. Bild: Matthias Knaus

Dafür bewegt man sich in einer grandiosen Hochgebirgslandschaft. Die unvergletscherten Berge der Cottischen Alpen ragen zum Großteil ein gutes Stück über die 3.000 m-Grenze auf und stellen sich oft als mächtige, freistehende Feldbastionen dar. Für den Biker ergeben sich somit zahlreiche logische Rundtouren mit einer Folge von Pässen. Gäbe es eine Liste der zehn schönsten MTB-Touren weltweit, die Fahrt rund um den Monte Oronaye und über die Gardetta-Hochfläche müsste unbedingt dazuzählen.

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Die Umrundung des Monte Oronaye (3.100 m) beschreibt eine außergewöhnliche und äußerst vielseitige MTB Tour. Bild: Matthias Knaus

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Absteigen und Staunen. Alleine unterwegs in einer beeindruckenden Hochgebirgslandschaft. Bild: Matthias Knaus

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Die Abfahrt vom Colle della Scaletta (2.614 m) ist alpin, herausfordernd und wunderschön. Bild: Matthias Knaus

Wie schaut es nun mit Orientierung und Unterkunft aus? Beides ist relativ einfach. Zum einen gibt es genügend Literatur. Ausreichend ist der zweisprachige Mountainbikeführer von Mariano Icardi/Sara Marino, der in Italienisch-Deutsch an die 44 Routen im Valle maira und in den beiden Nachbartälern präsentiert. Unbedingt braucht man dazu die erst heuer aufgelegte Landkarte „Chaminar en Val Maira“ von Bruno Rosano im Maßstab von 1:20.000. Beides bekommt man in den Läden in den Talorten.

Wer es ganz genau wissen will und auch eine gemütliche Absteige sucht, begibt sich in Marmora-Vernetti in die Pensione Ceaglio. In dieser für Radler idealen Unterkunft residiert schon seit einigen Jahren ein Deutsch sprechender zweiradfahrender Schweizer. Peter Vogt mit Namen, der hier stets die ganze Sommersaison verbringt. Von ihm gibt es super ausgearbeitete Führerblätter mit 21 Routen. Hotelgäste bekommen sie von ihm nebst ausführlichen Informationen gratis, sonst kann man sie kaufen.

Ebenso eine gute Adresse ist das Hotel Londra in Acceglio, dem inneren Hauptort des Tales. Mit Alessandro, dem jungen Wirt, kann man auf Englisch parlieren, auch er hat eine dicke Mappe an Mountainbike-Touren parat. Der Standort Acceglio dient als Ausgangspunkt für Touren auf beiden Talseiten, während das in einem kleinen und höherliegenden Seitental liegende Marmora für die Touren der südlichen Talseite ideal ist. Wechselt man auf die Nordseite, müssen die müden Beine zum Schluss noch mit einem nochmaligem 4 km langen Aufstieg kämpfen. Noch ein Wort zur besten jahreszeit: frühestens ab Ende Mai (sonst liegt noch zu viel Schnee in den Karen und Hochflächen), dafür bis Ende Oktober. Am allerschönsten ist es im September, behauptet jedenfalls Alessandro.

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Abfahrt über die Almen am Monte Estelletta (2.316 m). Bild: Matthias Knaus

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Strecken wie diese sind im Valle Maira keine Seltenheit. Kaum jemand weiß um die Singletracks eöchster Qualität - entsprechend gering ist die Frequentierung. Bild: Matthias Knaus

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Hoch über dem verzweigten Verlauf der Täler. Bild: Matthias Knaus

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In tieferen Gefilden trifft man auf Kastanien- und Buchenwälder. Bild: Matthias Knaus

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Immer wieder durchfährt man verfallene Dörfer und Ortschaften. Bild: Matthias Knaus

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An den Ausläufern der Cima di Test (2.621 m). Bild: Matthias Knaus

Text: Kurt Pokos
Bilder: Matthias Knaus

Unsere Reise 2016: Information und Buchungsmöglichkeit