Russland ist wahrhaftig ein großes Land. So richtig klar wird einem das, wenn man während des fünfstündigen Flugs von Moskau nach Krasnoyarsk aus dem Fenster blickt und die scheints endlosen Wälder und Tiefebenen betrachtet. Sibirien, der nordasiatische Teil Russlands, umfasst rund drei Viertel des Staatsgebiets und ist somit wesentlich größer als die Volksrepublik China. In diesem Bericht geht es um eine Skireise nach Sibirien zu Beginn des Winters.

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Intesives Erlebnis auf einer namenlosen Erhebung in der ehemaligen Goldmiene Priiskovy.

Entdeckergeist
Wie begann das Ganze? Bereits 2016 durften wir eine Reise von Flory Kern aka SKI-BERGE-ABENTEUER begleiten. Flory macht sich seit mehr als 20 Jahren Gedanken, wie man Skifahrer und Snowboarder abseits gesicherter Pisten glücklich macht. Er gilt als Pionier etlicher Destinationen und scheut kein Risiko wenn es darum geht, neue, entlegene Gebiete für Wintersportler zu erschließen. Ihm fiel auf, dass Teile des ansich klimatisch trockenen Zentralsibieren im Herbst und Frühwinter massig Schnee erhalten. Genauer gesagt sprang ihm der unscheinbare Ort Priiskovy ins Auge - eine verlassene einstige Goldgräberstätte. Dort fanden sich russische Partner, die vor mittlerweile elf Jahren begannen, das Backcountry der Region für Freeriding zu nutzen. Wie? Mit einer kleinen, gelben Pistenraupe. Vorwiegend werden Wege für die Auffahrten benützt, die einst den Maschinen und LKWs des Bergbaugebiets dienten. Das altersschwache Krankenhaus wurde zu einer Lodge umfunktioniert und im Laufe der Zeit besuchten immer mehr Schneebegeisterte die Region - sehr zur Freude einiger Einheimischer, die die Fröhlichkeit der Besucher schätzen und durch den aufkommenden Wintertourismus eine neue Einkommensquelle erhielten.

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Die Hauptstraße in Priiskovy

Ein perfekter Winterstart mit Schneegarantie
Wie schon erwähnt schneit es in der Region bereits im Oktober und November regelmäßig und stark. Aufgrund der enormen Kälte (-30°C sind keine Seltenheit) hat der Schnee eine geringe Dichte und ist mit jenem der Alpen nicht vergleichbar. Auch in flacherem Gelände spürt man kaum Widerstand beim Fahren und hinter sich generiert jeder Schwung eine rauchende Schneefahne - Prädikat "ausgezeichnet"!

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Das Gelände wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Es dominieren Birkenwälder und betrachtet man die Erhebungen luvseitig fragt man sich, "Wo um himmels Willen kann man hier fahren?". Die hügelige Landschaft weist lediglich moderate Höhenunterschiede auf - die längsten mit dem Cat zugänglichen Abfahrten betragen ca. 400 Höhenmeter. Im wesentlichen kommt der Wind aus Westen - leeseitig sammelt sich massig Schnee an den Hängen und man kann getrost zuversichtlich sein, auch wenn man die beheizte Kabine auf einem stark abgeblasenen Geländerücken verlässt. Mit dem Tageslicht, das einem im Dezember zur Verfügung steht, gehen sich acht bis zehn Abfahrten pro Tag aus, womit man in Summe zwischen 2.500 und 3.000 Tiefenmeter macht - beinahe ausschließlich in gutem Schnee versteht sich. Nicht schlecht für den Start in eine neue Wintersaison, oder?

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Die Anreise
Doch zurück nach Krasnoyarsk. Morgens um 05.00 Uhr landet der erste Flug aus Moskau und schon während der paar Schrtitte über's Flugfeld zur Ankunftshalle spürt man die eisige sibirische Kälte. Es folgt ein Frühstück am Terminal und Herumlungern bis um ca. 10.00 Uhr die Fahrt nach Priiskovy in Angriff genommen wird. Die lange Wartezeit ergibt sich aus den am Vormittag eingehenden Flügen. Während der Busfahrt blickt man aus dem Fenster und staunt, oder man holt die verpassten Stunden Schlaf in den Sitz gekuschelt nach. Auf jeden Fall sollten Mütze und Daunenjacke stets griffbereit sein um für etwaige Pinkelpausen und Kaffestopps gewappnet zu sein. Abends betritt man die "Bolnichka", die Unterkunft für die kommenden Tage, und fühlt sich unter Gleichgesinnten von Beginn an wohl.

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Ankunft in Krasnoyarsk nach fünfstündigem Flug von Moskau.

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Auf der langen Fahrt von Krasnoyarsk nach Priiskovy entscheiden die Straßenverhältnisse über das Weiterkommen. Minimum fünf Stunden, Maximum acht (?).

Unterwegs von morgens bis abends
Am ersten Tag in der Früh erfolgt ein kurzes Sicherheitsbriefing. Wir kooperieren bei der Reise mit russischen Guides, entsprechende Abstimmung ist erforderlich. Kurz werden die Do's und Dont's an der Pistenraupe erklärt, ein LVS-Check gemacht und schon rattert man ins Gelände. Mittlerweile operieren vier Pistenraupen ausgehend von der Lodge. Drei davon sind moderner Bauart (Pistenbully 200) und befördern bis zu 14 Personen in der Kabine. Weitere Anbieter komplettieren das Angebot - man ist sich untertags jedoch kaum unterwegs. Wie bei der Entwicklung von Skireisen bringt ein erfolgreiches Produkt Konkurrenz. Aus erster Hand wissen wir bereits einen zukünftigen Spot, nahegelegen und ebenfalls im Altaigebirge.

Morgens wird es im Dezember erst um etwa 09.00 Uhr hell. Nach einer ersten längeren Auffahrt (45-60 min.) ist der gewählte Geländeabschnitt erreicht. Die nachfolgenden Shuttlestrecken sind kürzer. Selbst bei sehr tiefen Temperaturen hält die beheizte Kabine warm. Draußen ist man den Elementen ausgesetzt - meist ein faszinierendes Erlebnis, das einem Sibirien eindrücklich näher bringt. Die Mittagsjause wird im Stil eines Outdoor-Picknicks eingenommen. Zugegeben, hier können sich unsere Gastgeber noch mehr einfallen lassen. Glühwein, Tee und Bouillon wärmen. Wurst, Käse und Zungen (fragt bitte nicht welche!) gibt's zum Belegen der Brote - gepaart mit Zwiebel, Gurke und höllisch scharfem Senf. Die Gruppe weiß um das Angebot und deshalb machen zusätzlich Feinkost, Kekse und Schokolade in der Kabine die Runde. Wir erhalten Lob von unserem russischen Guide. Er meint, wir wären schnell! Kaum konnte er mit einer Gruppe um diese Jahreszeit mehr Abfahrten machen. Hierbei gilt anzumerken, dass die Saison in Priiskovy bis in den Frühling dauert. Mit zunehmend längeren Tagen sind auch mehr Abfahrten möglich - dann jedoch nicht in so flockigem Pulverschnee. Beim Dunkelwerden erreicht man den Ort. Obligatorisch ist die Einkehr in einem "Café" dessen Auswahl an Bier und Spirituosen beeindruckend ist und das so klein ist, dass sogar unser russischer Begleiter nichts von dessen Existenz wusste. Wir sind eben echte Pioniere!

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Guten Morgen Schneekatze!

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Evgeniy - unser russischer Begleiter - freut sich über den sonnigen Tag und auf Faceshots.

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In der Zufahrt zum makellosen Hang des Secret Valley.

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Picknick im Gelände zur Mittagszeit.

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Mithilfe beim Laden und Entladen bringt Zeitersparnis und womöglich eine zusätzliche Abfahrt.

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Keine Abfahrt ohne Einsatz unseres stets freundlichen Fahrers aus Magadan.

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Ausstiegspunkt im Transval - dem Bereich der längsten Abfahrten.

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Die Birkenwälder im Sektor Gipsy weisen meist lichten Baumbestand auf.

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Sonnenschein ist im Dezember eher die Ausnahme in Priiskovy. Umso schöner wenn man ihn hat.

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Am Gipfel die letzten Sonnenstrahlen aufsaugen bevor die letzte Abfahrt beginnt.

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Ankunft im Tal.

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Gepflegtes Aprés Ski mit Bier und geräuchertem Fisch aus dem Baikalsee.

Wenn einmal die Sonne scheint...
...mit was nicht unbedingt zu rechnen ist im Dezember, bietet es sich an, oberhalb der Wälder seine Lines zu ziehen. Letztes Jahr beispielsweise konnten wir die entsprechenden Teilgebiete gar nicht sehen. Dieses Jahr ergab sich die Gelegenheit und wir hielten Kurs auf den Berg "Gus", einem breiten Rücken etwas weiter westlich der zuvor befahrenen Sektoren. Stabile Verhältnisse und gute Sicht sind Voraussetzung für die Befahrung einiger steilerer Abfahrten. Schaufel raus, einmal durch die Wechte gebuddelt und rein ins Vergnügen. Dieser Tag muss als absoluter Bonus gesehen werden. Evgeniy erzählt uns von weiteren Gebieten mit ähnlichem Charakter. Auch besteht die Möglichkeit vom Cat aus Skitouren zu unternehmen.

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Abschied mit der Freude auf ein Widersehen
Nach fünf ereignisreichen Tagen heißt's Abschied nehmen von Priiskovy. Noch einmal ein Blick zu den heruntergewirtschafteten Häusern, hinauf zu den Hügeln und Wäldern die unser Glück hier bedeuteten und ab in den Bus. Unser Erfahrungsschatz ist gewachsen. Wir vertreten weiterhin den Standpunkt, dass Catskiing hier eine besonders gute Option ist, die ersten Schwünge des Winters zu machen. Das Programm wird weiterentwickelt und auch 2018 gibt's wieder die Möglichkeit die Reise bei Flory zu buchen. Aufgrund zunehmender Begeisterung und wiederkehrender Täter raten wir frühzeitig Kontakt aufzunehmen.

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Krasnoyarsk
Der letzte Stopp dieser Reise ist Krasoyarsk - die nach Nowosibirsk und Omsk drittgrößte Stadt in Sibirien. Knapp über eine Million Menschen leben hier. Die wichtigsten Arbeitgeber sind das zweitgrößte Aluminiumwerk der Welt sowie das zu dessen Versorgung notwendige Wasserkraftwerk am Krasnoyarsker Stausee. Die Stadt wirkt nicht besonders einladend. Oft bedeckt im Winter Nebel den Siedlungsraum, der aus einem der längsten Flüsse der Welt emporsteigt - dem Jenissei. Im Zuge einer Stadtführung lernen wir Hintergründe kennen, manche Teilnehmer nehmen anschließend das Taxi und besuchen das stadtnahe Skigebiet. 2019 werden hier einige Bewerbe der Winter Universiade ausgetragen. Der Tag verläuft kurzweilig und abends besuchen wir ein hervorragendes georgisches Restaurant. Die Sorgfaltspflicht des Reisebegleiters endet am folgenden Tag, nach einer ausgelassenen Nacht. Müde und glücklich purzelt die Gruppe ins Flughafentaxi und begibt sich auf den Heimweg.

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Hier noch ein Link zu einigen Aufnahmen - Maurice, Chapeau!

Einen herzlichen Dank an das Team von Flory Kern für die tolle Idee und die hervorragende Abwicklung der Reise sowie an jeden einzelnen Teilnehmer für das entgegengebrachte Vertrauen und die begeisternde Wertschöpfung!


Text: Matthias Knaus
Bilder: Klaus Haberstroh